Mädchentötung in Indien: Indiens verlorene Töchter

In Indien sind Töchter das unerwünschte Geschlecht. Tausende Mädchen werden nach der Geburt getötet oder schon als Fötus gezielt abgetrieben. Eine Frau, selbst Mutter zweier Mädchen, kämpft seit sechs Jahren vor Gericht dagegen an.


Zwei indische Mädchen blicken durch einer vergitterte Maueröffnung
Bild 1 vergrößernMädchen haben in Indien einen schweren Stand

In Indien kommen auf 1000 Männer im Landesschnitt nur 933 Frauen. Zum Vergleich: In Deutschland kommen auf 1000 Männer statistisch gesehen 1041 Frauen. Die indische Ärztevereinigung schätzt, dass jedes Jahr etwa fünf Millionen weibliche Föten abgetrieben werden – trotz Ultraschallverbot und staatlichen Fernsehspots mit blumigen Botschaften: “Töchter sind wie ein Spiegel des Glücks, wie ein Schatten, der vor der sengenden Sonne schützt.”

Jungs gelten als leistungsfähiger und wertvoller

Doch der Aufruf der Regierung an die Bevölkerung, Indiens Töchter zu retten, verhallt. Viele indische Familien denken anders. Söhne gelten als leistungsfähiger und wertvoller, während Töchter wegen der traditionell hohen Mitgift oft nur als finanzielle Belastung empfunden werden. Die Kinderärztin Dr. Mitu Khurana hat das am eigenen Leib erfahren. Ihre beiden Töchter Guddu und Pari haben gerade ihren neunten Geburtstag gefeiert. Auch sie hätten sterben sollen. “Es geht nicht um den Wunsch, einen Sohn zu haben. Es geht alleine um das gezielte Töten der Töchter. Um das Vernachlässigen der Töchter. Um den Hass auf Töchter”, sagt sie.


Zwei indische Jungen lächeln in die Kamera
Bild 2 vergrößernIn der Überzahl: indische Jungs

Als Mitu im Januar 2005 merkte, dass sie schwanger war, verlangten ihr Ehemann und ihre Schwiegereltern eine gesetzlich verbotene Ultraschalluntersuchung, um das Geschlecht des Kindes zu bestimmen. Mitu weigerte sich. Die Familie mischte ihr schließlich Eier ins Essen, wohl wissend, dass Mitu darauf allergisch reagieren würde. Sie musste ins Krankenhaus, bekam Beruhigungsmittel und wenig später fand die Ultraschalluntersuchung statt. Mitus Ehemann ist ein Orthopäde mit guten Verbindungen. Nach dem Ultraschall war klar: Mitu war mit Zwillingsmädchen schwanger.

Ehemann und Schwiegereltern wollten Mitu zur Abtreibung zwingen. Sie wurde unter Druck gesetzt und misshandelt. Die Kinderärztin flüchtete zurück in ihr Elternhaus. “Meine Eltern unterstützen mich und meine Kinder ohne wenn und aber. Aber manchmal fragen sie mich auch, wann das alles aufhört. Dieser lange juristische Prozess kostet viel Kraft”, erzählt sie.

Indisches Gesetz schützt Töchter nur auf dem Papier

Mitu hat ihren Job als Kinderärztin aufgegeben und arbeitet inzwischen Teilzeit in der Krankenhausverwaltung. Die meiste Zeit verbringt die 38-Jährige vor Gericht. Sie hat ihren Ehemann, ihre Schwiegereltern und die Ultraschallärzte angezeigt. Sie klagt als erste Inderin auf der Basis eines Gesetzes von 1994, das die Geschlechtsbestimmung im Mutterleib verbietet. Das Gesetz soll Indiens ungeborene Töchter schützen. Doch Mitus Verfahren schleppt sich seit 2008 dahin. “Einige Richter haben mir offen ins Gesicht gesagt, dass ich mich mit meinem Mann versöhnen soll, weil es doch ganz normal sei, dass er sich wie alle anderen auch einen Sohn wünscht. Und wenn selbst Richter so denken, die für Gerechtigkeit sorgen sollen, dann ist das weit entfernt von dem Indien, das ich mir wünsche.”


Mitu will einen Präzedenzfall schaffen. Im Stadtstaat Delhi kommen heute auf 1000 Männer nur noch 866 Frauen. Vor allem das gezielte Abtreiben von Mädchen trägt zu diesem ungleichen Geschlechterverhältnis bei. “Ich muss das einfach durchziehen”, betont sie. “Du kannst dich nicht über die Dunkelheit beschweren, wenn du nicht willig bist, eine Kerze anzuzünden.”

Die Autorin des Hörfunkbeitrags ist Sandra Petersmann.

Redaktion: Gertrud Sterzl

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s